M1 // Phantomschmerzen
kirche_weg

 

Sommersemester 2015

Prüfer: Univ. Prof. Sabine Brück, Professor I.V. Ir. Fred Humblé
Betreuer: Dipl. Ing. Architekt DGNB Auditor Christoph Helmus, Anette Essam

 

„Kirchen nicht mehr als Kirchen zu nutzen hat eine andere Dimension als umgenutzte Industrieanlagen, Windmühlen oder Bauernhöfe. Kirchen sind keine Nutzräume, die leicht ,umzunutzen‘ wären. Nicht nur, dass dabei außergewöhnliche Architekturen und Ausstattung verloren gingen, Versammlungsräume der öffentlichen Nutzung entzogen würden und damit der Abbruch geistlicher Traditionen sichtbar wird. Was größtes Unbehagen und Unruhe sogar bei den ,religiös Unmusikalischen‘ auslöst, ist das Verschwinden von Zeichen und Orten, die bislang für ,das Andere‘, das Offenhalten der Fragen nach Woher und Wohin des Menschen stehen. (…) Die Bauten, die sich frühere Gesellschaften für diesen Daseinsaspekt gegeben hatten, scheinen in unsere verzweckte Zeit nicht länger zu passen.“ – (Martin Struck, Diözesanbaumeister im Erzbistum Köln; auszugsweise aus „Kirchen geben Raum – Empfehlungen zur Neunutzung von Kirchengebäuden, 2014)

„Kirchen gaben Raum – der Gemeinde zum Feiern und dem Einzelnen, zu Ruhe und Nachdenken, oft auch über Konfession und Religion hinweg. Darüber hinaus gaben sie an ihrem Standort aber auch Raum für Gemeinschaft. An Kirchen und Ihren Nebenräume waren soziale Netze angeknüpft, hier trafen sich Menschen und wurden vor Ort sozial und kulturell aktiv. Hierfür wurden Kirchen seit Jahrhunderten als besondere Bauten unserer Städte und Siedlungen gestaltet. Inzwischen zeichnet sich ab, dass viele dieser Gebäude ihre Funktion verlieren werden oder ganz verschwinden.“ – (Jörg Beste; auszugsweise aus „Kirchen geben Raum – Empfehlungen zur Neunutzung von Kirchengebäuden, 2014)

„Nichts ist heilig“ – Umnutzung oder Abriss Nach vollständiger Entnahme (Amputation) der Kirche aus dem räumlichen, und von dieser maßgeblich geprägten Kontext, wird der ehemalige Kirchenkörper am Ort spürbar sein (Phantomschmerzen). Es besteht dringender Handlungsbedarf. Hohe Betriebs- und Erhaltungskosten bei wirtschaftlichen Engpässen derBistümer lassen kein Abwarten, keine Untätigkeit zu. Wird kein wirtschaftliches Umnutzungskonzept für ein Kirchengebäude entwickelt oder kein Investor gefunden, droht kurzfristig der Rückbau der Kirche mit der Abrissbirne.

Alternative: Umnutzung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten
Die kurzfristig erforderlichen Kirchenumnutzungen sind Ausdruck einer sich verändernden Gesellschaft. Im Rahmen der stetig rückl.ufiger Kindertaufen, der rückl.ufigen demographische Entwicklung der Bevölkerung und der rückläufige Spendeneinnahmen bei steigenden Austrittszahlen ermittelten die Landesdenkmalämter Ende 2013, dass von den ca. 6000 Kirchengebäuden in NRW voraussichtlich 1.500 Kirchengebäude von einer Aufgaben betroffen sind.

Diese M1-Projektarbeit spiegelt daher eine sehr reale Aufgabenstellung für Investoren, Projektentwickler und Architekten für die kommende Jahre dar.
Insbesondere die Nachkriegskirchen, die in Nordrhein-Westfalen und der Euregio ca. 35% des Kirchenbestandes ausmachen, sind inzwischen unter starken Veränderungsdruck geraten. Einerseits aufgrund ihrer großen Zahl, andererseits, weil sie häufig nicht die Wertschätzung erfahren, die Gebäude älterer Bauepochen entgegengebracht werden sollten.
Gegenstand der M1-Aufgabenstellung ist vor diesem Hintergrund die Transformation von vier „chancenarmen“ Kirchen der Nachkriegsjahre in Wohnnutzung. Jeweils zwei Kirchen der Euregio auf der niederländischen sowie auf der deutschen Seite wurden hierzu ausgewählt:

4 Kirchen
1.) St Anna, Heerlen NL (FPJ Peutz, 1951)
2.) Onbevlekt Hart van Mariakerk, Maatricht NL (A.J.N. Boosten, 1952)
3.) Kirche St. Nikolaus, Rölsdorf, D (Hans Fischer, 1929)
4.) Kirche Herz Jesu, Dülken, D (Karl Schlüter, 1954)

Bei dieser Transformationsaufgabe soll ausdrücklich über die bestehenden Gebäudegrenzen hinaus gedacht und agiert werden. Hierbei sollen sowohl einzelne Elemente und Fragmente als auch der größere stadt- und innenräumliche Zusammenhang mit einbezogen werden.
Nach Erfassung des Bestandes wird eine Maßnahme zu „Dekonstruktion“ entwickelt. Kern der Aufgabe ist es, nach detaillierter Analyse des Umfeldes, der Objektcharakteristika und der bautechnisch relevanten Substanz, anzubauen, rückzubauen oder dazwischen zubauen. Ziel ist es, eine Verbesserung des Ortes zu erzielen und hierbei eine wirtschaftliche und marktgerechte Wohnnutzung für die jeweilige Kirche zu entwickeln. U.a. bauausführungs- und bauordnungstechnische relevante Aspekte wie natürliche Belichtung, Rettungswege sind hierbei zu berücksichtigen. Es soll ergänzend ein Konzept für eine zu generierende Sondernutzung entwickelt werden, welches die innenräumlichen Potentiale des Kirchenraumes in die neue Nutzung implementiert. Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, dass bei dieser Aufgabenstellung über das klassische „Haus-in-Haus-Prinzip“ hinaus gedacht werden soll.