B4 // SS18 // E-Tankstelle mit Raststätte
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Als Bestandteil des Individual- und Kraftfahrzeugverkehrs sind Tankstellen seit jeher Erscheinungen ihrer Zeit. Slogans wie „Benzin für Millionen“, „Säulen der Freiheit“ oder „Stationen des Lifestyles“ prägen die Geschichte dieses modernen Mythos. Wir kennen sie alle, diese regelmäßig vorkommenden Versorgungseinheiten für SUPER oder NORMAL, die als Stadt- und Landmarke meist ein markenspezifisches Corporate Design transportieren. Dächer, Stützen und Inseln – im Raum zwischen Ort und Nicht-Ort – dienen den immer wiederkehrenden täglichen und nächtlichen Tankszenen als architektonische Ordnungsstruktur. Sie organisieren das Ankommen, die Energieversorgung, den Toilettengang und das Weiterfahren.
Tankanlagen haben sich als performative Orte, als glanzvolle Ikonen der Moderne, der Mobilitäts-Vision, der 24h-Dienstleistung und des Konsums etabliert. Die Kehrseite des rauschhaften Geschwindigkeits-Erlebnisses besteht darin, dass Mobilität bislang ausschließlich durch fossile Brennstoffe ermöglicht und von multinationalen Ölkonzernen rücksichtslos dominiert wurde, weshalb Raststätten bis heute immer auch toxische Orte sind.

Was ist die Tank-Oase der Zukunft?

Erneuerbare Energien werden in Zukunft einen immer stärkeren Anteil am Energiemix für Fahrzeuge aller Art haben. Darum gibt es auch heute schon zu bestimmten Tages- und Jahreszeiten Stromüberschüsse, die zukünftig immer höher und konstanter auftreten werden. Diese lassen sich unmittelbar für E-Autos nutzen. Es gibt darüberhinaus Studien, nach denen auch Synthetische Treibstoffe aus überschüssigem Strom hergestellt werden, wie z.B. Wasserstoff oder synthetisches Benzin/Diesel. Idealerweise entweicht dann beim Verbrennen synthetischer Kraftstoffe maximal so viel CO2 durch Verbrennung in die Umwelt, wie zuvor für die Erzeugung des synthetischen Kraftstoffes der Atmosphäre entzogen wurde.

Projekt-Aufgabe ist der Entwurf einer zukünftigen E-Tankstelle an der Autobahn zwischen Aachen und Köln.

Weil für das Aufladen von Batterien grundsätzlich Wartezeiten von ca. 30-60min pro Fahrzeug technisch unabdingbar sind, entstehen neue Benutzungsprofile für Tankstellen. Die Tankstelle wird deshalb für alle Benutzer zu einer wortwörtlichen ‚Rast-Stelle’. Wie kann eine solche Rast-Stelle als Transit-Ort durch ihre räumliche, funktionale und performative Organisation und durch ihre Gestalt zu einem einladenden Ort der Begegnung, gar zu einer ‚Oase’ werden?

Dies soll in dem architektonischen Konzept und Raumprogramm der E-Tankstelle thematisiert werden: Das Projekt untersucht die Grundthese, dass durch ausschließlichen Einsatz erneuerbarer Energien und durch die dadurch veränderten Gebrauchsformen neue Typologien von Autobahnraststätten entstehen. Was ist ihr Sound, ihr Geruch, ihr Rhythmus, ihr Erscheinungsbild, ihr Material, ihre Atmosphäre? Wer sind ihre Akteure? Wie ist ihr raum-zeitliches Erleben?

Folgende Fragen müssen dabei beachtet werden: Wie viele E-Autos können in welcher Zeit gleichzeitig mit wie viel Strom jeweils versorgt werden? Wie viele Ladestationen werden benötigt und wie lassen sie sich sinnvoll in das architektonische Gesamtgefüge integrieren? Und schließlich:

Das Programm der Aufgabe soll (außer den quantitativ vorgegebenen technischen Anlagen) abhängig von der individuellen Deutung des Themas ‚Tank-Oase’ selbst entwickelt werden: Welche Nutzungen und Handlungsangebote kann dieser möglicherweise neuartige Ort bieten, um das Warten interessant und bereichernd werden zu lassen? Welche Gestalt entwickelt sich aus dieser Typologie? Ob als Restaurant, Kapelle, Stundenhotel oder Blumenladen, die funktionale und räumliche Organisation des Ankommens, Verweilens und Wieder-Hinausfahrens sowie die Sicherheit des Aufenthalts müssen bei Tag und Nacht gewährleistet sein.

Im Mittelpunkt der Überlegungen stehen neben dem Benutzungsprofil Fragen zur baulichen Fassung, zur Überdachung, zur Sichtbarkeit aus großer Entfernung, zu Konstruktion, Material, Farbe, Beleuchtung und zur Einbeziehung von medialen und typografischen Elementen.

Grundstück, Ort

Die zu entwerfende E–Tankstelle liegt an der A4 zwischen Aachen und Köln. Sie befindet sich auf Höhe der TOTAL Tankstelle am Autobahnkreuz Frechen. Die dort vorhandene Infrastruktur soll komplett aufgegeben werden. Die Aufgabe sieht keine Bestandsplanung vor. Die neu zu schaffende Anlage soll vielmehr die erhöhte Lage mit Blick auf die in der Ferne liegende aber nahe wirkende Stadt Köln aufgreifen und die örtliche Schnittstelle von technischer Infrastruktur, Landschaft und Stadt neu thematisieren. In direkter Nachbarschaft befindet sich fußläufig erreichbare Orte wie das Quartzwerk, der Kölner Randkanal, eine Autobahnpolizeiwache und der Vorort Neubuschbell.